Die Truhe III




Das Haus

Und wieder vergingen die Jahre. Cathy wurde erwachsen, hatte ihr Studium, fast abgeschlossen und würde bald als Historikerin promovieren. Unterdessen verrottete das Haus immer mehr, Efeu wucherte derart an der Außenfassade, das man kaum noch das Gemäuer dahinter sehen konnte, während das Gras unkontrolliert in die Höhe wuchs und bereits die Stufen zur Veranda überwuchert hatte. Cathy dachte kaum noch an das Haus in den Erzählungen ihrer Großmutter, bis Jodie sie eines Tages aufgeregt anrief. „Sie wollen das alte Haus abreißen.“ Zuerst wusste Cathy nicht von welchem Haus ihre Großmutter sprach, doch nach einer Weile wurde ihr alles klar. „Beruhige dich Granny ich komme so schnell ich kann.“ Erleichtert seufzte die alte Dame, „gut , ich werde sehen ob ich den alten Dexter nicht doch noch etwas aufhalten kann.“

Da die Stadt das alte Haus beseitigt haben wollte, sah Jodie nur eine Möglichkeit, sie kaufte das Haus samt dem Grundstück. Allerdings hatte sie die Auflage bekommen, für die Beseitigung des 'Schandfleckes' zu sorgen und sie stimmte zu unter der Voraussetzung das ihre Nichte Cathy sich das Haus ansehen konnte, ehe es ganz abgerissen werden würde. „Es wird Zeit, dass das alte Gemäuer verschwindet.“ Der Mann dessen brummige Stimme zu der Frau an seiner Seite drang, strich sich mit der flachen Hand über das Hemd welches seinen Bauch umspannte. Den Schutzhelm zog er sich danach geschäftig in die Stirn. „Wie sie meinen Herr Dexter, bevor sie sich hier jedoch austoben, möchte ich noch einen Blick in das Innere werfen.“ Cathy lächelte und machte einen Schritt auf das Haus zu, ehe sie von Dexter am Arm gepackt wurde.

„Mädchen sind sie lebensmüde? Das Haus hat seit Jahrzehnten niemand mehr betreten, der Boden ist morsch, und von anderen Dingen ganz abgesehen.“ Cathys Augenbrauen kletterten in die Höhe, ihre Hand stemmte sich in die Hüfte. Mit einem Lächeln das ebenso unnachgiebig wie ungeduldig war, sah sie zu dem Haus, „es dauert nicht lange.“ Sie hob die Hand um jedem neuen Einwand zuvorzukommen. Riss sich los und ihre Schritte beschleunigten sich, als sie auf das Haus zuging. Als würde eine unbekannte Kraft sie treiben, durchquerte Cathy die Eingangshalle, ging die Treppe nach oben. Sie hatte nur einen hastigen Blick für das Wohnzimmer und die Küche übrig. Alles war dort mit Tüchern abgedeckt die unter der dicken Staubschicht nur die einst weiße Farbe erahnen ließen.

Sie hatte die Galerie erreicht und sah sich um, die beiden Türen, die je rechts und links abgingen, waren verschlossen, nur die Tür zum Dachboden stand offen. Cathys Schritte lenkten sich genau darauf zu. Das leicht knarrenden Geräusch der Holzstufen nahm sie nicht wahr, ebensowenig wie das Rufen des Abrissleiters. Für einen Augenblick fragte sie sich, was sie hier überhaupt wollte, doch dann fiel ihr Blick auf die Truhe. Den Kopf leicht schräg gestellt ging die junge Frau darauf zu. Die Bewegungen waren langsam, als würden sie in Zeitlupe ausgeführt. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie durch tiefen Morast waten. Einem inneren Zwang folgend streckte sie die Hand aus und löste die eiserne Lasche um den Deckel anzuheben.

Unversehrt lag das Buch, wie ein kostbarer Schatz, auf dem Boden und strahlte in seinem purpurroten Überzug. Kein Fleck war auf den aus Silber verzierten Ecken zu sehen. Wie lange Cathy auf das Buch gestarrt hatte wusste sie nicht. Eine ihrer Hände löste sich vom Deckel und berührten den samtenen Einband. Augenblicklich durchströmte sie Wärme. Leid, Trauer und eine unendlich große Liebe, sammelten sich in ihrem Inneren, das es ihr fast das Herz abschnürte. Im ersten Moment war sie versucht das Buch fallen zu lassen, doch stattdessen griffen ihre Finger fester zu, ließen das Buch nicht mehr los, bis es dem Bannkreis der Truhe entrissen war. Schwer atmend richtete sich Cathy auf. Das Buch betrachtend ließ sie den Deckel los, der mit einem schweren Poltern zurückfiel.

Als hätte das Krachen den Auslöser gegeben, drang nun auch das Rufen Dexters an Cathys Ohren. „Verdammt, Mädchen schwingen sie ihren Hintern hier raus! Wo sind sie?!“ Die Stimme klang besorgt und unmissverständlich wütend. Cathy warf keinen Blick zurück, sonst hätte sie bemerkt das die Truhe abgesackt war, der Dachboden gab an dieser Stelle langsam nach. Morsch durch das fast hundertjährige Leben, war er dabei der Zeit Tribut zu zollen. Cathy spürte die Vibration als die Truhe endgültig in die Tiefe stürzte. Erschrocken drehte sie sich um, sah wie der Boden immer mehr abrutschte. Sie konnte fühlen, wie sie mitgezogen wurde, eilig rannte Cathy los, das Buch fest an ihre Brust gedrückt, auf den Ausgang zu. Atemlos erreichte die Tür, als sie erneut die Stimme des Abrissleiters hörte.

„Das Haus stürzt ein, hier brauchen wir nichts mehr machen außer das verrückte Frauenzimmer hier raus schaffen.“ Die Anweisung galt wohl einigen seiner Männer. Währenddessen rannte Cathy weiter die Treppen hinunter bis zur Galerie. Hinter ihr krachten die Stufen aufeinander. Wie gelähmt stand sie da. In diesem Augenblick packte sie eine Hand am Arm, zog sie unbarmherzig die letzten Stufen hinunter ins Erdgeschoss und durch die Eingangshalle, betäubt folgte Cathy dem immer größer werdenden Druck der Hand. In ihrem Arm lag nach wie vor das Buch. Dexters wütende Worte prallten an ihr ab, als er sie in Empfang nahm und gleichzeitig zusah, wie das Haus in sich zusammenfiel. „Mädchen, sie haben mehr Glück als Verstand. Haben sie mein Rufen nicht gehört?“

Cathy hob nur die Hand und murmelte eine Entschuldigung vor sich hin, während sie sich von ihm losmachte. Eilig ging sie zu ihrem Auto ging und stieg ein. Gedanken wirbelten durch Cathys Kopf. Bilder und Gefühle die sie nicht kannte und auch nicht einordnen konnte, durchströmten sie. Sie fühlten sich fremd an und auch wieder nicht. Zögernd lösten sich ihre verkrampften Finger von dem Buch, ehe sie es neben sich auf den Beifahrersitz legte. In genau diesem Augenblick wurde Cathy ruhiger, ihre Ausgeglichenheit kehrte zurück und sie schüttelte kurz den Kopf. Immer noch mit zittrigen Fingern startete sie ihr Auto und fuhr nachdenklich nach Hause. Sie konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, dass das Haus wegen des Buches eingestürzt war und bei dem Gedanken an den Einsturz lief ein Frösteln ihren Rücken hinab.

Vor ihrem Haus angekommen, parkte Cathy den Wagen, ehe sie die Stirn auf das Lenkrad legte. Die letzten Stunden kamen ihr wie ein Traum vor, der sofort real wurde als sie auf den Beifahrersitz sah. Ihre Finger wanderten über das glühende Rot, ehe sie es aufnahm und damit ins Haus ging. Cathy machte sich einen Tee, legte das Buch dazu auf den Tisch, ertappte sich aber immer wieder dabei, wie sie darauf starrte. Ihre Neugier trieb sie in ihren Lieblingssessel, ehe sie den Deckel zurückschlug und die fein säuberlichen Buchstaben las;
Der Regenbogen des Sonnentänzers
Tagebuch meiner Seele
Sie sollte sich noch bei ihrer Großmutter melden, waren die letzten Gedanken, bevor sie begann zu lesen und die Zeit um sie herum keine Rolle mehr spielte.


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