Die Truhe II




Jodie war seit jenem Tag nicht wieder an diesen Ort zurückgekehrt, doch vergessen konnte sie das Haus nie, ebenso wenig die Truhe. Sie dachte sich Geschichten darüber aus, die sie erst den wartenden Jungs vor dem Haus, später ihren Kindern und dann auch ihren Enkeln erzählte. In all den Jahren lag das Buch unberührt und geschützt in der Truhe, während das Haus immer mehr zerfiel. Der Holzboden war längst morsch, die Wände porös und vom Einsturz gefährdet, das Dach undicht, einzig der Efeu der an den Fassaden rankt hielt das Haus zusammen. Hinter diesen alten brüchigen Mauern wartete die Truhe immer noch darauf, dass ihr Inhalt gefunden wird, es schien fast so, als würde das Haus nur noch aus diesem Grund stehen und darauf hoffen das sein größtes Geheimnis noch entdeckt wird.

Jahre waren vergangen, Jodie war in die nahe gelegene Großstadt gezogen, hatte einen Job in einer kleinen Privatbäckerei angenommen, geheiratet, ihre Kinder großgezogen und war vor zwei Jahren, nachdem Rupert, ihr Mann verstorben war, wieder zurück in das kleine Städtchen gezogen in welchem sie ihre Jugend verbracht hatte. Das kleine Häuschen mit dem großzügigen Garten war genau das richtige, hier konnte sie ihren Hobbys nachgehen und immer noch ihre geliebten Gartenpartys veranstalten. Der Kräutergarten war ihr ganzer Stolz und obwohl die Nachbarn sie anfangs belächelt hatten, in den letzten Monaten hatten diese Jodies Hobby zu schätzen gelernt, denn gegen jedes Wehwehchen schien in ihrem Garten ein Kraut gewachsen zu sein. Schnell hatte sie einen neuen Spitznamen weg und wurde liebvoll „Seelchen“ genannt, was nicht zuletzt wegen ihrer freundlichen Art und an den Geschichten lag, die sie immer noch erzählte.

Die alte Frau saß im Garten, wippte mit dem Schaukelstuhl auf der Veranda sanft hin und her und betrachtete ihre Enkelin beim spielen. Mit lächelndem Gesicht dachte sie an ihre eigene Jugend zurück, ohne Zweifel hatte Cathy ihr Temperament geerbt und nicht nur das. Genau wie ihre Großmutter liebte sie Geschichten und malte sich die wildesten und abenteuerlustigsten Dinge aus. Vielleicht sollte Jodie ihrer Enkelin von dem Spukhaus erzählen. Allein bei dem Gedanken, wie sie mit der Kleinen auf der Decke vor dem Kamin saß, vor ihnen auf einem ihrer alten Silbertablette eine Schüssel geknackter Walnüsse und roter Kirschtee, so das es aussah als würden sie an kleinen Gehirnen knabbern und Blut trinken, musste die alte Dame herzhaft lachen.

Das Lachen ihrer Großmutter veranlasste Cathy zu ihr zu sehen und als diese ihr zuwinkte, sprang sie auf und rannte über die Wiese, nahm gleich die ganzen Stufen zur Veranda auf einmal und stand wenig später vor dem Schaukelstuhl. „Warum lachst du Granny?“

„Mir kam da gerade so eine Idee.“ Cathy liebte die Ideen ihrer Großmutter, weil sie meistens eine menge Spaß versprachen, begeistert wippte sie mit den Füßen hin und her. „Was denn Granny?“ Ihre Stimme klang genauso aufgeregt wie sie sich fühlte.

Jodie nahm sich Zeit, hob erst die Tasse Tee an die Lippen, verbarg so das Schmunzeln das sich um ihren Mund gelegt hatte, und trank bedächtig mehrere Schlucke, ehe sie den Becher abstellte und ihre Enkelin ansah, dabei hörte die alte Dame auf mit dem Stuhl zu wippen. Ganz ruhig saß sie nun vor dem kleinen Mädchen. Für Cathy schien die Welt plötzlich still zu stehen, völlig angespannt wartete sie nun vor ihrer Großmutter und begegnete deren Blick. Ein Frösteln der Spannung lief ihr über den Rücken, als Jodie endlich begann zu sprechen „Wie wäre es“, begann sie ihre Frage und machte eine kunstvolle Pause, „wenn wir heute Abend vor dem Kamin eine paar Gruselgeschichten erzählen?“

Cathys Augen begannen zu leuchten und ein glückliches Jauchzen erfüllte wenig später die Luft, „au ja Granny das wäre klasse.“ Sie klatschte vor Begeisterung in die kleinen Hände und drehte sich übermütig einmal um sich selbst, ehe sie ruckartig stehen blieb und ihre Großmutter mit bettelnden Augen ansah. „Bitte Granny, darf ich Amy, Cris und Jason einladen? Dann können wir eine richtige Gruselnacht machen.“ Mit einer liebevollen Geste wuselte Jodie ihrer Enkeltochter durch das feine dunkelblonde Haar, „aber natürlich, dann macht es noch mehr Spaß. Ich rufe gleich bei den Dreien an und bitte ihre Eltern sie vorbeizubringen.“

Cathy klatschte noch einmal begeistert in die Hände rannte danach sofort ins Haus und rief aufgeregt, „ich bereite dann schon mal alles vor Granny.“ Während ihre Enkelin polternd die Treppen in den oberen Stock hinauflief, erhob sich Jodie mit einem breiten Lächeln etwas mühevoll aus dem Schaukelstuhl und machte sich gedanklich ein paar Notizen was sie in den nächsten Stunden noch alles würde erledigen müssen, damit der Abend auch ein richtiger Erfolg werden würde. Da waren Augäpfel aus Marzipan zu machen, Walnüsse zu knacken, Tee zu kochen und und und…

Auf dem Dachboden hatte sie noch die alte Vogelscheuche und das kleine Tonband war auch noch irgendwo dort oben. Jodie schien plötzlich in einen unerschöpflichen Ideenstrom gefallen zu sein und fragte sich ob sie all das in den paar Stunden schaffen würde. Kopfschüttelnd folgte sie ihrer Enkelin in das Innere des Hauses, obwohl noch viel zu tun war würde das warten müssen, zuerst waren die Anrufe bei Cathys Freunden dran.


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