Die Truhe




Die Dielen des Dachbodens knarrten, als sich kleine Füße darüber bewegten, innehielten, der Körper angespannt lauschend. Nichts regte sich, kein Mensch bewegte sich in dem großen alten Haus, dennoch empfand Jodie den Hauch im Nacken. Das Gefühl nicht allein zu sein. Die Hand auf den Mund gepresst setzte sie ihren Weg fort. Ihr Ziel war eine Truhe, alt, handgeschnitzt und mit Bildern bemalt, die nun verblasst waren. Ein Kreisel war darauf und auch ein Teddybär. Mit viel Fantasie konnte man sie noch erkennen. Für Jodie war das nicht schwer, hatte sie die Truhe doch eingehend immer und immer wieder gemustert.

Das Mädchen war oft hier hinaufgeklettert, zuerst war es nur eine Mutprobe gewesen, zu der sie die Jungs aus der Nachbarschaft herausgefordert hatten. Jodie hatte sie angenommen, schließlich glaubte sie nicht an all die unsinnigen Geschichten, die über das Haus erzählt wurden. Seither war sie immer wieder hierher zurückgekehrt, fasziniert hatte sie jeden Raum untersucht, bis sie den Eingang zum Dachboden gefunden hatte. Den anderen war sie mittlerweile unheimlich, denn obwohl die Furcht jedes Mal ihren Körper hinaufkroch, kaum das sie die Schwelle überschritt, die in den großen Eingangsbereich führte, siegte doch immer wieder aufs neue die Anziehung die dieses Gemäuer auf sie ausübte und es ihr möglich machte das Haus zu untersuchen.

Von irgendwoher kam ein Luftzug, spielte mit ihren langen Locken. Ein Schauer lief über ihren Rücken, während sie tapfer ihren Weg fortsetze. Nachdem Jodie die alte Truhe erreicht hatte strich sie mit ihren zarten Fingern über das alte Holz. Es fühlte sich glatt an und kühl. Wie schon die anderen Male davor ließ sie sich vor ihr nieder, sah auf das eiserne Schloss, das es ihr bisher immer wieder unmöglich gemacht hatte den Inhalt der Truhe anzusehen. Doch dieses Mal hatte Jodie vorgesorgt. Langsam glitt der Rucksack von ihrem Rücken auf den Boden, hinterließ für einen Augenblick ein schurrendes Geräusch auf den alten Holzdielen. Mit einem triumphierenden Lächeln in den gespannten Gesichtszügen holte sie eine Büchse aus der Tasche hervor.

Metallenes Klappern, von unzähligen Schlüsseln aller Größe und in jeglichen Variationen, zerriss die Stille des Hauses, drang durch das Gemäuer, doch Jodie nahm es kaum wahr. Sie ließ sich in ihrer Konzentration nicht stören und starrte stattdessen mit einem grübelnden Gesichtsausdruck auf das Vorhängeschloss. Ihr Blick wanderte zwischen den unterschiedlichen Schlüsseln hin und her, ehe er wieder zu dem eisernen Verschluss der Truhe glitt. Zielsicher wählte Jodie aus dem Haufen fünf davon aus und schob die anderen zurück in die Büchse. Erst nachdem das Mädchen diese verstaut hatte, hob sie die anderen auf und wagte ihr Glück. Vorsichtig versuchte sie den Ersten, doch mit diesem kam sie gerade mal mit dem Kopf in das Loch hinein. Auch beim zweiten und dritten Versuch hatte sie kein Glück. Nervös und leicht ungehalten begann sie auf ihrer Unterlippe herumzukauen.

Wenn Jodie etwas überhaupt nicht leiden konnte, dann war das, wenn sie sich eine Sache vorgenommen hatte und diese nicht so klappte wie gedacht. Den vierten Schlüssel bedachte sie daher mit einem misstrauischen Blick, ehe sie ihn versuchsweise begann in das Schloss zu schieben. Begeistert stellte sie fest, das er sich fast mühelos hineinstecken ließ, doch als sie ihn herumdrehen wollte verklemmte er sich. Es kostete Jodie viel Mühe und eine Menge Zeit, bis sie das Stück Metall wieder herausgezogen bekam. Fast schon feindselig blickte sie nun auf das Schloss. Sie hatte nur noch einen Versuch, wenn der auch schief ging musste sie weitersuchen, doch in ihrem kleinen Ort gab es keine anderen alten Schlüssel, sie war den Leuten so lange auf die Nerven gegangen, bis diese alle herausgerückt hatten.
„Ich will wissen was da drin ist“ sagte sie laut vor sich hin und nahm den Letzten der ausgewählten Fünf in die Hand. Mit größter Konzentration und voller Erwartung steckte sie ihn in die Öffnung.

Nach einigem hin und her, das Jodie bereits Tränen des Zorns in die Augen trieb, löste sich plötzlichen mit einem lauten Krachen der eiserne Bügel. Mit zittrigen Fingern schob sie den Aufhänger heraus, um kurz darauf die schwere Lasche aufzuziehen. Hastig kniete sich Jodie hin, das Schloss war längst ihren Fingern entglitten. Sie hatte es einfach achtlos fallen lassen. Eine ungeheure Spannung bemächtigte sich ihrer, als sie die Finger gegen den schweren Holzdeckel stemmte und die Truhe öffnete. Sie hielt die Augen geschlossen und schluckte, während sie den Deckel losließ. Zittrig atmete sie aus und hob langsam die Lider. Ihre Augen richteten sich auf die geöffnete Truhe und dann erfüllte ein markerschütternder Schrei die Stille. Jodie war aufgesprungen und starrte immer noch fassungslos nach unten.
Die Truhe, sie war leer.

Wutentbrannt schnappte sich Jodie ihren Rucksack. „Du blödes altes Ding“, schleuderte sie zornig der hölzernen Kiste entgegen, trat mit voller Wucht gegen die Außenseite und rannte voller Enttäuschung die Treppe hinunter. Die Truhe erzitterte unter der Erschütterung des Trittes. Die Streben, welche den Deckel hielten, gaben nach und dieser fiel schwer zurück, verschloss die vermeintlich Leere. Während Jodies Schritte auf den Stufen verhallten, war im Inneren der Holztruhe das Geräusch zerreisenden Stoffes zu hören, dem ein dumpfes Poltern folgte. Ein Buch, in kostbare rote Brokatseide eingefasst, dessen Ecken aus kunstvoll geschmiedeten Silberdreiecken bestand, war aus seinem Versteck im Deckel gefallen und lag nun auf dem Boden der Truhe.


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